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Tandem 23

  • Tandempartner*in 1: Demirel; Helin
  • Tandempartner*in 2: Circir; Dilara

Entwurfsfassung

Verhältnis Theorie-Gegenstand

Fragestellung, Forschungsperspektiven

Einer der wichtigsten Punkte für eine erfolgreiche qualitative Forschung ist die Definition einer sinnvollen, eindeutigen und leitenden Forschungsfrage (vgl. Flick 2016, S.140). Laut Flick ist die Fragestellung aus verschiedenen Gründen für eine erfolgreiche Forschung ausschlaggebend, dazu zählt die Wichtigkeit der Frage für das Ziel der Forschung und auch die exakte Formulierung der Fragestellung. Somit folgt der Forscher ein eindeutiges Ziel, ist aber trotzdem offen und interessiert für neue Erkenntnisse (vgl. Flick 2016, S.133). Fähnrich hat das Prinzip von Flick bei seinem Forschungstext angewendet. Die Ausgangsthese, Forschungsfrage und das Forschungsziel wurden explizit definiert: „Wie deuten die Jugendlichen ihre aktuellen Lebensumstände und biografischen Erfahrungen (einschließlich ihrer Straftaten) selbst?“ und „Lassen sich typische Selbstdeutungsmuster der Jugendlichen bezüglich ihrer aktuellen Lebensumstände sowie biografischen Erfahrungen (einschließlich Straftaten) feststellen?“ (vgl. Fähnrich 2009, S.103ff). Der Grund seiner Arbeit ist, dass die bisherigen Studien nicht berücksichtigt haben, wie die Jugendlichen selbst ihr kriminelles Verhalten beurteilen. Somit erwähnt Fähnrich zuerst sein Motiv und leitet dadurch seine Forschungsfrage ab (vgl. Fähnrich 2009, S.102ff). Laut Flick soll herausgestellt werden, dass die Forschungsperspektive und die Methoden für die Datenerhebung kombiniert werden sollten, um möglichst unterschiedliche Aspekte eines Problems zu berücksichtigen (vgl. Flick 2016, S. 136). Fähnrich erklärt sein Motiv und auch seine Forschungsperspektive, aber die Kombination zwischen der Methode und der Forschungsperspektive werden nicht herausgestellt.

Annäherung ans Feld

Um Informationen über die Fälle der kriminellen Jugendlichen zu erlangen, nimmt Fähnrich Kontakt zu dem Hessischen Polizeipräsidium auf, das mit Hilfe der Ermittlungsgruppe „BASU 21“ die Straftaten von 80 jugendlichen Mehrfachtätern erforscht (vgl. Fähnrich 2009, S. 105). Um passende Jugendliche auszuwählen, beginnt Fähnrich mit der Methode des Selektiven Samplings, das aber im Laufe der Forschung nicht weiterverfolgt werden kann. Somit werden 10 Jugendliche durch die Zufallsstichprobe ausgewählt (ebenda, S. 121). Es wird Kontakt zum schulischen und privaten Umfeld der Jugendlichen aufgenommen und Behörden wie das Jugendamt mit eingebunden. Mit der repressiven Maßnahme werden die Kriminellen KriminalbeamtInnen zugewiesen, die für den Jugendlichen zuständig sind und mit anderen Behörden/Institutionen kooperieren (ebenda, S. 106). Es muss ein Informationsaustausch und eine Interaktion zwischen den Mitgliedern der Forschung stattfinden. Weitere Aufgaben der BeamtInnen ist das Durchführen von Gefährderansprachen und Helferkonferenzen (ebenda, S. 17). Laut Flick muss der Forscher bei dem Feldzugang in eine soziale Rolle schlüpfen (vgl. Flick 2007, S. 143) (vgl. Flick/Kardorff 1995, S. 154). In der Arbeit von Fähnrich nimmt der/die KriminalbeamtIn die Rolle einer Vertrauensperson an. Gerade bei der Gefährderansprache sollte der Forscher dem Jugendlichen und seinem Umfeld viel Zeit widmen, denn in diesen Gesprächen lernt er/sie den Jugendlichen und die Verhaltensweisen sowie biografische Hintergründe, die für die Forschung relevant sein könnten, besser kennen. Durch diese Gespräche entwickelt sich ein bedeutungsvolles Vertrauensverhältnis zwischen dem Jugendlichen und dem Forscher (vgl. Fähnrich 2009, S. 107).

Sammlung der Daten

Für die Erhebung der Daten nutzt Fähnrich die Methoden der qualitativen Sozialforschung (vgl. Fähnrich 2009, S. 105). Es stehen ihm 2 Vorgehen zur Auswahl; das narrative- und das Leitfaden-Interview. Fähnrich wählt das Leitfaden-Interview, da bei dem narrativen die erforschte Person ohne Unterbrechung eine Art „Stehgreiferzählung“ durchführen muss und diese Methode wahrscheinlich eine Belastung für die Jugendlichen wäre (ebenda, S. 118). Das Leitfaden-Interview gehört zum rekonstruktiven Verfahren (vgl. Flick/ Kardorff 1995, S. 156). Hierbei soll der Interviewte durch offene Fragen zum Antworten gebracht werden, „sodass die Sichtweisen des befragten Subjekts eher zur Geltung kommen“ (vgl. Flick 2007, S. 194). Zudem muss der Forscher in der begrenzten Zeit die Äußerungsinteressen des Befragten berücksichtigen und darf auch mal von seinen Fragen abweichen, sollte aber die Struktur des Leitfadens nicht verlieren (vgl. Flick/Kardorff, S. 158). Der Forscher wird also „mit seinen kommunikativen Fähigkeiten zum zentralen Instrument der Erhebung und Erkenntnis“ (vgl. Flick 2009, S. 143). Die Interviews werden aufgezeichnet und finden in getrennten Räumlichkeiten statt. Anwesend sind nur der Interviewte und der Interviewer. Um ehrliche Antworten zu erlangen, wird dem Jugendlichen versichert, dass die Informationen außer Befugten nicht an Dritte gelangen (vgl. Fähnrich 2009, S. 123).

Fixierung der Daten

Interpretation der Daten

Nach der Erhebungsphase wurde mit der Datenauswertung begonnen. Das Ziel war die Herleitung der „typischen kriminellen Karriereverläufe“ (Fähnrich 2009, S.123). Fähnrich orientiert sich bei der Auswertung an dem „thematischen Kodieren“ (Flick 2016, S. 402), wird sich aber nicht nur auf eine Methode minimieren und versucht somit den Nachteilen der Methoden auszuweichen. Dieses Verfahren ermöglicht Vergleichbarkeit und Offenheit gegenüber andere Sichtweisen (ebd.). Der erste Schritt erfolgt mit Einzelfallanalysen. Dadurch soll ein Kategoriensystem für den einzelnen Fall entwickelt und ein Motto für jeden Fall festgelegt werden (Flick 2016, S. 403ff.). Fähnrich beschreibt jeden Fall in ca. 4-6 Seiten, verzichtet aber darauf, ein Motto für jeden Fall festzulegen, um sich nicht von dem ersten Eindruck leiten zu lassen (Fähnrich 2009, S.126). Laut Flick soll „zunächst offen, dann selektiv“ kodiert werden (vgl. Flick 2016, S. 404). Die Kodierung bei Fähnrich erfolgt nicht offen oder selektiv sondern nach der Thematik. Anschließend fasst er die Bedeutung der Aussage mit wenigen Worten aussagekräftig zusammen (vgl. Fähnrich 2009, S.126).

Für den ersten Analyseschritt wird die „Konzeptualisierung der Daten“ (Strauss/Corbin) verwendet. Hierbei geht es darum, dass die Daten aufgebrochen und Phänomene benannt werden (Vgl. Flick S. 388ff). Anders als bei Strauss/Corbin fasst Fähnrich die Aussage des Interviewten mit eigenen Worten zusammen (Vgl. Fähnrich, S.127). Nach dem Prinzip des offenen Kodieren wird für die Benennung von Kodes die Aussagen von dem Interviewpartner zu übernehmen empfohlen (Vgl. Flick, S. 391). Fähnrich verwendet für die festgelegten Kategorien einen selbst formulierten Begriff (Vgl. Fähnrich 2009, S.126ff). Nachdem mehrere Kategorien entstanden sind, werden diese thematisch in Gruppen zugeordnet (Vgl. Flick, S. 391). Somit entsteht eine Struktur, welche auf die nächsten Fälle übertragen werden kann. Somit werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser herausgearbeitet. Während diesen Vorgangs soll der Autor offen für neues sei, um seine Struktur zu modifizieren (Vgl. Flick, S. 404). Dies wird auch von Fähnrich in den Vordergrund gestellt (Vgl. S.129). Nachdem die wichtigsten Merkmale von allen Fällen herausgearbeitet und mit einander verglichen wurden, werden anhand Merkmalen und Selbstdeutungsmustern Charakteristika für zwei Typenbildungen erstellt: Aktuelle Lebensumstände und Kriminalität (hier sog. „Situationstypen“) und biografische Erfahrungen und Kriminalität (hier sog. „Biografietypen“) (vgl. Fähnrich, S. 133). Zuletzt wurden die o.g. Typen miteinander verglichen und kombiniert. Dadurch entstanden neue Typen, die „Lebenslagentypen“ genannt wurden (Vgl. Fähnrich, S. 134). Dieser Schritt ist eine weiterführende Methode von Fähnrich.

Geltungsbegründung

Die Geltungsbegründung der qualitativen Sozialforschung stellt die Frage, wie der Forscher sein Material, die Ergebnisse und Interpretationen erläutert und konkludiert (Flick/Kardorff 1995, S. 167). Mithilfe von 2 Wegen kann das Ziel angestrebt werden: Entweder wendet man die klassischen Gütekriterien wie Validität, Objektivität und Reliabilität auf qualitative Forschung an oder man entwickelt und verwendet “methodenangemessene Gütekriterien“ (vgl. Flick 2007, S. 489) (vgl. Flick/Kardorff 1995, S. 167). Fähnrich nutzte das Leitfaden-Interview zur Datenerhebung.

Forschung als Diskurs

Literatur

Flick, Uwe (2012): Stationen des qualitativen Forschungsprozesses. In: Flick, Uwe/Von Kardorff, Ernst/ Keupp, Heiner, l. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. 3. Auflage. Weinheim: Beltz. Psychologische Verlags Union. S. 148-170.

Flick, Uwe (2007): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Völlig überarbeitete Neuauflage. Hamburg: Reinbek.

Flick, Uwe (2009): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Vollständig überarbeitete Neuauflage. Hamburg: Reinbek.

Flick, Uwe (2014): Sozialforschung. Methoden und Anwendungen. Ein Überblick für die BA Studiengänge. Hamburg: Reinbek.

Flick, Uwe (2016): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Hamburg: Reinbek.

Zweiter Text: Begründete Einschätzung anderer Analysen

Ranking: 1. Platz Tandem 27, 2. Platz Tandem 24, 3. Platz Tandem 19, 4. Platz Tandem 17

Tandem 27, Platz 1

Auf Platz 1 ist Tandem 27 beginnend mit einer guten Einführung in das Thema. Sprachlich ist die Analyse sehr gut und verständlich geschrieben worden, inhaltlich waren die Erklärungen am manchen Stellen knapp, z.B. bei Interpretation der Daten: „Warum nur drei der vier denkbaren Typen in seiner Untersuchung vorkommen, begründet er nachvollziehbar“. Wie begründet es Fähnrich denn? Die Absätze im Text ermöglichen ein einfaches und angenehmes Lesen.

Tandem 24, Platz 2

Tandem 24 haben wir auf Platz 2 gesetzt, da die Analyse sowohl inhaltlich als auch sprachlich gut strukturiert ist, wobei an vielen Stellen grammatikalische Fehler auffallen. Die Analyse lässt sich mit einer guten Einleitung beginnen, aber uns fällt ein inhaltlicher Fehler am Ende der Einleitung auf: „Wobei auf das Empfinden der Jugendlichen über die jeweilige Tat wenig Wert gelegt wurde“. Die vorherigen Studien legten wenig Wert auf das Empfinden der Jugendlichen, deshalb berücksichtigt Fähnrich das am meisten. An manchen Stellen der Analyse wurden zu lange Zitate verwendet, die beim lesen der Analyse stören, z.B. bei Annäherung an das Feld der letzte Satz. Bei Sammlung der Daten gehören ab dem 3. Satz einige Themen in andere Kapitel, z.B. „Um dann schließlich an diese gewählte Gruppe von Jugendlichen zu gelangen, wurde mit dem hessisches Polizeikommissariat Kontakt aufgenommen, welches die Daten auf eine anonymisierte zur Verfügung stellte.“- gehört zu Annäherung an das Feld. Positiv aufgefallen ist uns, dass ihr außer Fähnrich und Flick auch andere Autoren verwendet habt. In dem Literaturverzeichnis fehlt als Quelle die Arbeit von Fähnrich.

Tandem 19, Platz 3

Positiv finden wir bei der Analyse der Tandemgruppe 19, dass sie bestimmte Punkte sehr ausführlich und präzise beschrieben haben auf die Fragestellungen im Interview eingehen. Als Verbesserungsvorschlag empfehlen wir darauf zu achten, dass genügend Vergleiche erstellt werden, siehe Sammlung der Daten. Darüber hinaus wurde bei der Interpretation fast gar nicht mehr zitiert. „Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Sammlung de Daten sehr professionell durchgeführt wurde und in jeder Hinsicht seine Richtigkeit hatte.“ Dieser Satz wurde ebenfalls nicht zitiert und da auch kein Vergleich erstellt wurde, war uns unklar, nach welchem Autor sich die Tandemgruppe orientiert hat. Außerdem ist das Literaturverzeichnis unvollständig, Fähnrich wurde nicht erwähnt. „Im Verlauf der Untersuchungen ergaben sich zwei Lösungsvorschläge; das narrative Interview nach Fritz Schütze und das Leitfadeninterview.„ Auch hier fehlt eine vollständige Quellenangabe.

Tandem 17, Platz 4

Das Literaturverzeichnis von Tandem 17 ist vollständig. Der Punkt Sammlung der Daten wurde sehr ausführlich und informativ beschrieben. Darüber hinaus ist uns aufgefallen, dass die Tandemgruppe oft kurze und informative Sätze gewählt hat, was das Lesen einfacher und interessanter macht. Als Verbesserungsvorschlag würden wir empfehlen darauf zu achten, dass alle wichtigen Informationen erwähnt werden, denn z.B. bei Annäherung an das Feld fehlt die Methode, die Fähnrich gewählt hat, um an die Jugendlichen zu gelangen. Außerdem wurde der Grund seiner Ausgangsstellung und seiner Forschung nicht beachtet. Das Tandem hat zwar die Fragestellung hervorgehoben, aber kein Vergleich erstellt, um zu überprüfen, ob alle Punkte eingehalten wurden. Auch bei der Interpretation wurde nicht mit Flicks Empfehlungen verglichen sondern nur zusammengefasst, was gemacht wurde.

Dritter Text: Endfassung

Einleitung

Aus welchem Grund steigen die Zahlen der Jugendkriminalität in Deutschland?

Diese Frage beschäftigte auch Dr. Paed. Oliver Fähnrich. Das ist einer der Gründe für die hermeneutisch-qualitative Studie „Jugendkriminalität Biographischer Kontexte straffälliger Jugendlicher“, welche er im Jahre 2009 veröffentlicht hat. Fähnrich interessiert sich für die Biographie und die Erfahrung der straffälligen Jugendlichen. Durch die Interviews sollen die Anhaltspunkte und die Anreize hervorgehoben werden. Anschließend werden die typischen Selbstdeutungsmuster herausgearbeitet werden, diese soll als Anregung der aktuellen Diskussion, um das Thema Jugendkriminalität, dienen (vgl. Flick 2016 S.104).

Verhältnis Theorie-Gegenstand

Im Ansatz der gegenstandsbegründeten Theoriebildung sind die Daten und das untersuchte Feld im Vordergrund (vgl. Flick 2016, S.124). Dabei sind die Bestandteile des theoretischen Samplings zu beachten (vgl. Flick 2016, S.125). Wichtig ist hierbei, dass nicht zuerst alle Interviews durchgeführt werden und anschließend mit der Interpretation der Daten angefangen wird, sondern der Untersuchungsgegenstand soll mit kritischen Theorien entwickelt werden (vgl. Flick 2016 S.126). Das Basiswissen von Fähnrich erlaubt ihm, eine Lücke in dem Forschungsbereich „Die Jugendkriminalität“ zu finden (vgl. Fähnrich 2009, S.7). Dadurch entwickelt er eine kritische Theorie, welche bisher noch nicht berücksichtigt wurde. Anschließend verschafft Fähnrich ein Überblick ausgewählter klassischer sowie aktueller Theorien zur (Jugend-)Kriminalität, aber den Lesern wird hier nicht erläutert, ob die Bestandteile des theoretischen Samplings beachtet wurden (vgl. Fähnrich 2009, S.53).

Fragestellung, Forschungsperspektiven

Einer der wichtigsten Punkte für eine erfolgreiche qualitative Forschung ist die Definition einer sinnvollen, eindeutigen und leitenden Forschungsfrage (vgl. Flick 2016, S.140). Laut Flick ist die Fragestellung aus verschiedenen Gründen für eine erfolgreiche Forschung ausschlaggebend, dazu zählt die Wichtigkeit der Frage für das Ziel der Forschung und auch die exakte Formulierung der Fragestellung. Somit folgt der Forscher ein eindeutiges Ziel, ist aber trotzdem offen und interessiert für neue Erkenntnisse (vgl. Flick 2016, S.133). Fähnrich hat das Prinzip von Flick bei seinem Forschungstext angewendet. Die Ausgangsthese, Forschungsfrage und das Forschungsziel wurden explizit definiert: „Wie deuten die Jugendlichen ihre aktuellen Lebensumstände und biografischen Erfahrungen (einschließlich ihrer Straftaten) selbst?“ und „Lassen sich typische Selbstdeutungsmuster der Jugendlichen bezüglich ihrer aktuellen Lebensumstände sowie biografischen Erfahrungen (einschließlich Straftaten) feststellen?“ (vgl. Fähnrich 2009, S.103ff). Der Grund seiner Arbeit ist, dass die bisherigen Studien nicht berücksichtigt haben, wie die Jugendlichen selbst ihr kriminelles Verhalten beurteilen. Somit erwähnt Fähnrich zuerst sein Motiv und leitet dadurch seine Forschungsfrage ab (vgl. Fähnrich 2009, S.102ff).

Flick soll herausgestellt werden, dass die Forschungsperspektive und die Methoden für die Datenerhebung kombiniert werden sollten, um möglichst unterschiedliche Aspekte eines Problems zu berücksichtigen (vgl. Flick 2016, S. 136).

Fähnrich erklärt sein Motiv und auch seine Forschungsperspektive, aber die Kombination zwischen der Methode und der Forschungsperspektive werden nicht herausgestellt.

Annäherung ans Feld

Um Informationen über die Fälle der kriminellen Jugendlichen zu erlangen, nimmt Fähnrich Kontakt zu dem Hessischen Polizeipräsidium auf, das mit Hilfe der Ermittlungsgruppe „BASU 21“ die Straftaten von 80 jugendlichen Mehrfachtätern erforscht (vgl. Fähnrich 2009, S. 105). Um passende Jugendliche auszuwählen, beginnt Fähnrich mit der Methode des Selektiven Samplings, das aber im Laufe der Forschung nicht weiterverfolgt werden kann. Somit werden 10 Jugendliche durch die Zufallsstichprobe ausgewählt (ebenda, S. 121). Es wird Kontakt zum schulischen und privaten Umfeld der Jugendlichen aufgenommen und Behörden wie das Jugendamt mit eingebunden. Mit der repressiven Maßnahme werden die Kriminellen KriminalbeamtInnen zugewiesen, die für den Jugendlichen zuständig sind und mit anderen Behörden/Institutionen kooperieren (ebenda, S. 106). Es muss ein Informationsaustausch und eine Interaktion zwischen den Mitgliedern der Forschung stattfinden. Weitere Aufgaben der BeamtInnen ist das Durchführen von Gefährderansprachen und Helferkonferenzen (ebenda, S. 17). Laut Flick muss der Forscher bei dem Feldzugang in eine soziale Rolle schlüpfen (vgl. Flick 2007, S. 143) (vgl. Flick/Kardorff 1995, S. 154). In der Arbeit von Fähnrich nimmt der/die KriminalbeamtIn die Rolle einer Vertrauensperson an. Gerade bei der Gefährderansprache sollte der Forscher dem Jugendlichen und seinem Umfeld viel Zeit widmen, denn in diesen Gesprächen lernt er/sie den Jugendlichen und die Verhaltensweisen sowie biografische Hintergründe, die für die Forschung relevant sein könnten, besser kennen. Durch diese Gespräche entwickelt sich ein bedeutungsvolles Vertrauensverhältnis zwischen dem Jugendlichen und dem Forscher (vgl. Fähnrich 2009, S. 107).

Sammlung der Daten

Für die Erhebung der Daten nutzt Fähnrich die Methoden der qualitativen Sozialforschung (vgl. Fähnrich 2009, S. 105). Es stehen ihm 2 Vorgehen zur Auswahl; das narrative- und das Leitfaden-Interview. Fähnrich wählt das Leitfaden-Interview, da bei dem narrativen die erforschte Person ohne Unterbrechung eine Art „Stehgreiferzählung“ durchführen muss und diese Methode wahrscheinlich eine Belastung für die Jugendlichen wäre (ebenda, S. 118). Das Leitfaden-Interview gehört zum rekonstruktiven Verfahren (vgl. Flick/ Kardorff 1995, S. 156). Hierbei soll der Interviewte durch offene Fragen zum Antworten gebracht werden, „sodass die Sichtweisen des befragten Subjekts eher zur Geltung kommen“ (vgl. Flick 2007, S. 194). Zudem muss der Forscher in der begrenzten Zeit die Äußerungsinteressen des Befragten berücksichtigen und darf auch mal von seinen Fragen abweichen, sollte aber die Struktur des Leitfadens nicht verlieren (vgl. Flick/Kardorff, S. 158). Der Forscher wird also „mit seinen kommunikativen Fähigkeiten zum zentralen Instrument der Erhebung und Erkenntnis“ (vgl. Flick 2009, S. 143). Die Interviews werden aufgezeichnet und finden in getrennten Räumlichkeiten statt. Anwesend sind nur der Interviewte und der Interviewer. Um ehrliche Antworten zu erlangen, wird dem Jugendlichen versichert, dass die Informationen außer Befugten nicht an Dritte gelangen (vgl. Fähnrich 2009, S. 123).

Fixierung der Daten

Bei Fixierung der Daten sind drei Schritte zu beachten: 1. Der Aufzeichnung der Daten: Fähnrich zeichnete die Interviews auf und machte währenddessen Notizen (vgl. Fähnrich 2009, S.123). Laut Flick ist das einerseits gut, weil somit alle Informationen beachtet werden aber andererseits soll es zu Anonymitätsverlust für die Befragten führen (vgl. Flick/Kardorff 2012, S. 160). 2. Die Aufbereitung der Daten: Alle Interviews wurden vollständig und wörtlich transkribiert (Fähnrich 2009, S.123). Es gibt viele Transkriptionssysteme, aber bislang keine universelle, wichtig hierbei ist in Bezug auf die Fragestellung, nur so viel und so genau zu transkribieren, wie es notwendig ist (vgl. Flick/Kardorff 2012, S.161). 3. Konstitution einer ‚neuen‘ Realität: Nachdem die Interviews transkribiert wurden, wurde über die Jugendlichen Fallporträts erstellt, so auch Flick soll dieser Text als Basis für die Interpretation dienen (Fähnrich 2009, S.123), (vgl. Flick/Kardorff 2012, S. 162).

Interpretation der Daten

Nach der Erhebungsphase wurde mit der Datenauswertung begonnen. Das Ziel war die Herleitung der „typischen kriminellen Karriereverläufe“ (Fähnrich 2009, S.123). Fähnrich orientiert sich bei der Auswertung an dem „thematischen Kodieren“ (Flick 2009, S. 402), aber wird sich nicht nur auf eine Methode minimieren und versucht somit den Nachteilen der Methoden auszuweichen. Dieses Verfahren ermöglicht Vergleichbarkeit und Offenheit gegenüber andere Sichtweisen (ebd.). Der erste Schritt erfolgt mit Einzelfallanalysen und dadurch soll ein Kategoriensystem für den einzelnen Fall entwickelt werden und ein Motto für jeden Fall festgelegt werden (Flick 2009, S. 403ff.). Fähnrich beschreibt jeden Fall in ca. 4-6 Seiten, verzichtet aber auf den individuellen Motto, um sich nicht von dem ersten Eindruck leiten zu lassen (Fähnrich 2009, S.126). Laut Flick soll „zunächst offen, dann selektiv“ kodiert werden (vgl. Flick 2009, S. 404). Die Kodierung bei Fähnrich erfolgt nicht offen oder selektiv sondern nach der Thematik. Anschließend fasst er die Bedeutung der Aussage mit wenigen Worten aussagekräftig zusammen (vgl. Fähnrich 2009, S.126). Für den ersten Analyseschritt wird die „Konzeptualisierung der Daten“ (Strauss/Corbin) verwendet. Hierbei geht es darum, dass die Daten aufgebrochen werden und Phänomene benannt werden (Vgl. Flick S. 388ff). Anders als bei Strauss/Corbin fasst Fähnrich die Aussage des Interviewten mit eigenen Worten zusammen (Vgl. Fähnrich, S.127). Nach dem Prinzip des offenen Kodieren, wird für die Benennung von Kodes empfohlen, die Aussagen von dem Interviewpartner zu übernehmen (vgl. Flick, S. 391). Fähnrich verwendet für die festgelegten Kategorien ein selbstformuliertes Begriff (vgl. Fähnrich 2009, S.126ff). Nachdem mehrere Kategorien entstanden sind, werden diese thematisch in Gruppen zugeordnet. (Vgl. Flick, S. 391). Somit entsteht eine Struktur, welche sich auf die nächsten Fälle übertragen lässt. So werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser herausgearbeitet. Während dieses Vorgangs soll der Autor offen für neues sein, um seine Struktur zu modifizieren (vgl. Flick, S. 404). Dies wird auch von Fähnrich in den Vordergrund gestellt (vgl. S.129). Nachdem die wichtigsten Merkmale von allen Fällen herausgearbeitet und mit einander verglichen wurden, wurde anhand Merkmalen und Selbstdeutungsmustern Charakteristika für zwei Typenbildungen erstellt: Aktuelle Lebensumstände und Kriminalität (hier sog. „Situationstypen“) und biografische Erfahrungen und Kriminalität (hier sog. „Biografietypen“) (vgl. Fähnrich, S. 133). Zuletzt wurden die o.g. Typen miteinander verglichen und kombiniert. Dadurch entstanden neue Typen, die „Lebenslagentypen“ genannt wurden (vgl. Fähnrich, S. 134). Dies ist eine weiterführende Methode von Fähnrich.

Geltungsbegründung

Die Geltungsbegründung der qualitativen Sozialforschung stellt die Frage, wie der Forscher sein Material, die Ergebnisse und Interpretationen erläutert und konkludiert (Flick/Kardorff 1995, S. 167). Mithilfe von 2 Wegen kann das Ziel angestrebt werden: Entweder wendet man die klassischen Gütekriterien wie Validität, Objektivität und Reliabilität auf qualitative Forschung an oder man entwickelt und verwendet “methodenangemessene Gütekriterien“ (vgl. Flick 2007, S. 489) (vgl. Flick/Kardorff 1995, S. 167). Fähnrich nutzte das Leitfaden-Interview zur Datenerhebung.

Forschung als Diskurs

„An dieser Stelle werden erneut das Subjektverständnis der Forschung und die Frage nach der Einbeziehung der Erforschten zum Thema“ (Flick/Kardorff 1995, S. 170). Dies tut Fähnrich, indem er nach ihrer Einverständnis fragt und darauf hinweist, dass die Antworten anonymisiert werden, um möglichst ehrliche Antworten zu erhalten (Fähnrich 2009, S. 123). Die Einbeziehung der Beforschten kann laut Flick in drei Schritten ablaufen: 1. Die Rückmeldung nach Abschluss der Erhebung. Die Aussagen der Befragten sollen hier rückgemeldet und zugänglich gemacht werden. Es ist unklar, ob nach der Forschung die Befragten Zugang zu den Aussagen hatten. 2. Das Einbeziehen der Beforschten in die Interpretation der Daten und als 3. erfolgt die Rückmeldung an die Betroffenen nach Abschluss des Forschungsprozesses, falls keine Rückmeldung nach Erhebung oder Interpretation stattgefunden hat. Hierbei sollen die Ergebnisse verständlich verfasst worden sein. Die Ergebnisse der Forschung wurden in der Dissertation durch Personagramme bzw. Übersichtstabellen festgehalten (Fähnrich 2009, S.109). „Natürlich werden die im Rahmen dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse an die zuständige Stelle weitergegeben“ (Fähnrich 2009, S. 105).

Literatur

Flick, Uwe. „Sozialforschung. Methoden und Anwendungen Ein Überblick für die BA Studiengänge“. Hamburg.(2014)

Flick, Uwe (2012): Stationen des qualitativen Forschungsprozesses. In: Flick, Uwe/Von Kardorff, Ernst/ Keupp, Heiner /Von Rosenstiel, Lutz /Wolff, Stephan (Hrsg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. 3. Auflage. Weinheim: Beltz. Psychologische Verlags Union. S. 148-170.

Flick, Uwe (2007): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Völlig überarbeitete Neuauflage. Hamburg: Reinbek.

Flick, Uwe (2009): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Vollständig überarbeitete Neuauflage. Hamburg: Reinbek.

Flick, Uwe (2016): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Hamburg: Reinbek.

Fähnrich, Oliver (2010): Jugendkriminalität. Biografische Kontexte straffälliger Jugendlicher. Merkmale und Selbstdeutungsmuster jugendlicher Wiederholungstäter. Online publiziert auf dem Server der Deutschen Nationalbibliothek: http://d-nb.info/1005450560 (Letzter Zugriff: 14.09.2017)

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